Wie wollen wir zusammenleben?

Mit dem bauhaus museum weimar entsteht ein moderner Ort der Begegnung, Offenheit und Diskussion. Am Gründungsort des Staatlichen Bauhauses wird es an die frühe Weimarer Phase der bedeutendsten Design- und Kunstschule des 20. Jahrhunderts erinnern. Im Zentrum seiner Ausstellung steht die weltweit älteste museale Sammlung von Werkstattarbeiten des Bauhauses, die Walter Gropius schon in den 1920er-Jahren anlegte. Ausgewählte Pfade in der Entwicklung von Kunst, Architektur und Design werden das weltweite Nachwirken dieser einzigartigen Schule für Gestaltung vorstellen.

Die brennendste Frage des Tages überhaupt: … Wie werden wir wohnen, wie werden wir siedeln, welche Formen des Gemeinwesens wollen wir erstreben?
Walter Gropius, Rede zur Beteiligung des Bauhauses an der Bau-Ausstellung in Stuttgart, 1924

Geleitet von der Frage »Wie wollen wir zusammenleben?« wird das Museum auf viele Überlegungen Bezug nehmen, die heute, wie in der Zeit des Bauhauses, für die Menschen relevant sind. Verschiedene Eckpunkte der Historie des Bauhauses spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie aktuelle Fragestellungen junger Gestalter, Künstler und Architekten.

Menschen zu erziehen, die die Welt in der sie leben, in ihrem Grundcharakter klar erkennen und aus der Verbindung ihrer Erkenntnisse mit ihren Phantasien typische, ihre Welt versinnbildlichende Formen zu schaffen vermögen.
Walter Gropius, Aufgabe moderner Gestaltung, 3. Februar 1922

Das bauhaus museum weimar unternimmt eine Neudeutung der Geschichte des Bauhauses: Es wird zeigen, dass das Bauhaus kein Stil oder eine Methode ist, sondern Anfang des 20. Jahrhunderts Prozesse für entscheidende Veränderungen in Hinsicht auf eine neue Gesellschaft, neues Zusammenleben und – damit verbunden – auch auf neue Technologien, Materialuntersuchungen und vieles mehr initiiert hat.

Der von Prof. Heike Hanada mit Prof. Benedict Tonon entworfene Museumsbau entsteht in direkter Nachbarschaft zur sogenannten Grün-, Kultur- und Sportachse als ein großes »Kulturprojekt« der Weimarer Republik, dem ehemaligen »Gauforum« aus nationalsozialistischer Zeit sowie dem »Langen Jakob«, ein in den 1970er-Jahren entstandenes Studentenwohnheim. Das neue Museum bringt diese Zeitschichten der Moderne in eine Erzählung miteinander und macht sie für aktuelle Diskussionen fruchtbar. Dementsprechend gestaltet die Klassik Stiftung Weimar ihre Präsentation im bauhaus museum weimar als experimentelle und ergebnisoffene Auseinandersetzung mit den sehr gegensätzlichen Entwicklungen der Moderne.

Der Innenraum des Museumsneubaus wird die Besucherinnen und Besucher mit seiner zeitgemäßen wie anschaulichen Ausstellungsarchitektur und punktuellen Installationen emotional ansprechen und zur intuitiven Erschließung der Ausstellung einladen. Das Kuratorenteam der Klassik Stiftung konzipiert die Ausstellung gemeinsam mit den renommierten Architekten und Ausstellungsgestaltern Holzer Kobler Architekturen und in Kooperation mit Kulturvermittlern. Das umfangreiche, mit jungen Bauhaus Agenten entwickelte Vermittlungsprogramm bedient sich ebenfalls experimenteller und partizipativer Zugänge.

3 Fragen an Barbara Holzer, Holzer Kobler Architekten, Zürich/Berlin

Eine Schule des Lebens

Frau Holzer, was zeichnet Ihre Ausstellungsarchitektur für das bauhaus museum aus?
Wir entwerfen Szenen und nutzen den Raum als eine Art Leinwand oder Panorama. Die Oberflächen der Einbauten sind gewissermaßen das direkte Medium zwischen Objekt und Betrachter. Wir arbeiten mit Materialien, die die Objekte in ihrer Wirkung unterstützen, wie Glas oder lackierte Oberflächen mit unterschiedlichen Glanzgraden. Von ganz bunten Farben für Objekte, die weniger Farbigkeit besitzen und dadurch zum Leuchten gebracht werden, bis zu gedeckten Farben für schrille Objekte: Die Gestaltung steht im Dialog mit den Exponaten selbst. Das ermöglicht einen intuitiven Zugang zu den Dingen. Etwas fasziniert, macht neugierig oder löst Fragen aus. So können wir die Blicke der Besucher auf die wichtigen Themen und entscheidenden Fragen lenken, dann entstehen Lerneffekt und Vermittlung fast automatisch.

Wie wichtig ist Ihnen der Kontext der Objekte?
Das Museum ist oft ein Ort extremer Dekontextualisierung, da sich hier Objekte versammeln, die nie so nebeneinander standen. Wir versuchen Zusammenhänge sichtbar zu machen, indem wir beispielsweise das noch von Gropius selbst zusammengestellte Konvolut von Objekten in Gänze zeigen. Diese 168 Objekte verdeutlichen viel von der Haltung, die Gropius mit dem Bauhaus vermitteln wollte. Das ist eine ganz wichtige Aussage des bauhaus museums in Weimar: dass es eben nicht nur um die Frage des Objektseins geht, sondern wirklich um die Haltungen, die mit dem Bauhaus eingenommen und vermittelt wurden.

Wie können wir uns denn den Museumsbesuch konkret vorstellen?
Wir möchten, dass die Besucher den teilweise bekannten Objekten und Inhalten auf eine neue Art und Weise begegnen. In der obersten Etage des Museums sind zum Beispiel die Ikonen des Bauhauses von Gropius bis Mies van der Rohe erlebbar, aber auch Hannes Meyer, der das Bild der minimalistischsten Einrichtung mitgeprägt hat. Genau hier können wir die Besucher direkt ansprechen: Wie wohnst Du eigentlich? Würdest Du Dich mit Bauhaus-Produkten umgeben? Oder magst du es doch lieber etwas üppiger?
Ich finde die Frage interessant, wie die Menschen ihr Umfeld einrichten. Ist asketisch zu leben ein Wunsch oder nur eine Not? Was bedeutet es, wenn jemand heute sagt, er lebe auf kleinstem Raum? Wenn wir im Museum Diskurse führen können über Fragen zu sozialer Nachhaltigkeit, politischer Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Systemen überhaupt oder auch zu Stil und Geschmack, dann haben wir ganz viel erreicht. Es muss deutlich werden, dass das Bauhaus nicht nur für schöne Möbelstücke steht, sondern auch für gesellschaftliche und politische Haltung und Verantwortung.

Prof. Barbara Holzer © IBA Thüringen, Foto: Thomas Müller

Prof. Barbara Holzer © IBA Thüringen, Foto: Thomas Müller


Die Ausstattung und Erstpräsentation im bauhaus museum weimar wird gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.