Ab 6. April 2019

Wie wollen wir zusammenleben?

Mit dem bauhaus museum weimar entsteht ein moderner Ort der Begegnung, Offenheit und Diskussion. Am Gründungsort des Staatlichen Bauhauses wird es an die frühe Weimarer Phase der bedeutendsten Design- und Kunstschule des 20. Jahrhunderts erinnern. Im Zentrum seiner Ausstellung steht die weltweit älteste museale Sammlung von Werkstattarbeiten des Bauhauses, die Walter Gropius schon in den 1920er-Jahren anlegte. Ausgewählte Pfade in der Entwicklung von Kunst, Architektur und Design werden das weltweite Nachwirken dieser einzigartigen Schule für Gestaltung vorstellen.

Die brennendste Frage des Tages überhaupt: … Wie werden wir wohnen, wie werden wir siedeln, welche Formen des Gemeinwesens wollen wir erstreben?
Walter Gropius, Rede zur Beteiligung des Bauhauses an der Bau-Ausstellung in Stuttgart, 1924

Geleitet von der Frage »Wie wollen wir zusammenleben?« wird das Museum auf viele Überlegungen Bezug nehmen, die heute, wie in der Zeit des Bauhauses, für die Menschen relevant sind. Verschiedene Eckpunkte der Historie des Bauhauses spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie aktuelle Fragestellungen junger Gestalter, Künstler und Architekten.

Menschen zu erziehen, die die Welt in der sie leben, in ihrem Grundcharakter klar erkennen und aus der Verbindung ihrer Erkenntnisse mit ihren Phantasien typische, ihre Welt versinnbildlichende Formen zu schaffen vermögen.
Walter Gropius, Aufgabe moderner Gestaltung, 3. Februar 1922

Das bauhaus museum weimar unternimmt eine Neudeutung der Geschichte des Bauhauses: Es wird zeigen, dass das Bauhaus kein Stil oder eine Methode ist, sondern Anfang des 20. Jahrhunderts Prozesse für entscheidende Veränderungen in Hinsicht auf eine neue Gesellschaft, neues Zusammenleben und – damit verbunden – auch auf neue Technologien, Materialuntersuchungen und vieles mehr initiiert hat.

4 Fragen an Ulrike Bestgen, Leiterin bauhaus museum weimar

Es lebe das Experiment!

Im bauhaus museum weimar wird die Bauhaus-Sammlung über drei Ebenen neu inszeniert. Was werden die Besucher der neuen Ausstellung über die Kunstschule erfahren?
Wir zeigen das frühe Bauhaus, die Ursprünge der Ideen, die Experimente ebenso wie ihre Aspekte des weltweiten Nachwirkens. Wir erzählen die Bauhaus-Geschichte aber nicht linear, etwa entlang der Designklassiker von Wilhelm Wagenfeld, Marianne Brandt oder Marcel Breuer, sondern anhand von thematischen Schwerpunkten und Fragestellungen. So werden die Besucher das Bauhaus als einen Ort erleben, an dem man mit Materialien und Formen in den verschiedenen Künsten experimentierte, sich vor allem aber mit der Gestaltung des alltäglichen Lebens auseinandersetzte. Wichtig ist uns dabei, dass das Bauhaus immer mit heutigen Fragestellungen und Themen verknüpft ist und wir den Besuchern viele sinnliche Erlebnisse bieten.

Können Sie einige Themen nennen, die man im neuen Museum entdecken wird?
In einem Raum gehen wir beispielsweise den pädagogischen und lebensgestalterischen Ansätzen am Weimarer Bauhaus nach. Wir thematisieren die Standardisierung und Vermessung des »Neuen Menschen« oder zeigen am Musterbau Haus Am Horn, wie die Bauhäusler das Wohnen damals verbessern wollten. Das atmosphärische Erleben der Themen spielt eine große Rolle, etwa im Bühnen-Raum, der von den multimedialen Experimenten László Moholy-Nagys inspiriert ist oder in einer Werkstatt, in der man traditionelle Handwerkstechniken wie zu Zeiten des Bauhauses bis hin zum hochmodernen 3D-Druck auch praktisch erfahren kann. Wir möchten intuitive Zugänge zu den Dingen ermöglichen, um die Neugier der Besucher zu wecken und sie dadurch für weitere Fragen und Themen zu begeistern, die im Museum vertieft werden. So entstehen Lerneffekt und Vermittlung fast automatisch.

Wie wird es gelingen, diese Zusammenhänge des Bauhauses möglichst vielschichtig aufzuzeigen?
Wir kooperieren mit verschiedenen Institutionen in Weimar, etwa mit der Bauhaus-Universität Weimar, der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar, dem Landesarchiv Thüringen Hauptstaatsarchiv Weimar oder den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, die das Ausstellungs- und Begleitprogramm unmittelbar bereichern und uns die Möglichkeit bieten, das Bauhaus in all seiner Vielstimmigkeit und Ambivalenz zu zeigen. Wichtig ist dabei auch die Arbeit der drei Bauhaus Agenten, die seit dem Schuljahr 2016/17 gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen für sie relevante Zugänge zur Bauhaus-Geschichte erproben und neue Vermittlungsformate für das Museum erarbeiten. Als roter Faden für die verschiedenen Aktivitäten im Museum dient immer die Frage, die einst Walter Gropius stellte: »Wie wollen wir zusammenleben?«

Um die Zeit bis zur Museumseröffnung 2019 etwas zu verkürzen: Wie kann man dem Bauhaus in Weimar jetzt schon auf die Spur kommen?
In der Bauhaus-Universität Weimar, dem Gründungsort des Bauhauses, kann man zum Beispiel dessen Spuren in Wandmalereien, Reliefs und einem nachgestalteten Gropius-Zimmer entdecken. Auch ein Besuch des Haus Am Horn lohnt sich ebenso wie ein Spaziergang zur Ruine des Tempelherrenhauses, des einstigen Ateliers von Johannes Itten im Park an der Ilm, wo er sich mit Studierenden regelmäßig zu meditativen Übungen versammelte. Zu den berühmten Bauhaus-Orten in und um Weimar zählen auch das Denkmal der Märzgefallenen von Walter Gropius, Lyonel Feiningers bewunderte »Kathedrale « – die kleine Dorfkirche in Gelmeroda – oder die Gaststätte Ilmschlösschen, wo die Bauhäusler einst wilde Feste feierten. Rund um das bauhaus museum weimar entsteht ein Kulturquartier, in dem die ambivalente Geschichte der Moderne bis zur Gegenwart anhand der umgebenden Architektur jetzt schon erlebbar ist. In Weimar findet man also eine unglaubliche Konzentration von Erinnerungsorten des Bauhauses und der Moderne.

Ulrike Bestgen, Leiterin bauhaus museum weimar

Ulrike Bestgen, Leiterin bauhaus museum weimar

Der von Prof. Heike Hanada mit Prof. Benedict Tonon entworfene Museumsbau entsteht in direkter Nachbarschaft zur sogenannten Grün-, Kultur- und Sportachse als ein großes »Kulturprojekt« der Weimarer Republik, dem ehemaligen »Gauforum« aus nationalsozialistischer Zeit sowie dem »Langen Jakob«, ein in den 1970er-Jahren entstandenes Studentenwohnheim. Das neue Museum bringt diese Zeitschichten der Moderne in eine Erzählung miteinander und macht sie für aktuelle Diskussionen fruchtbar. Dementsprechend gestaltet die Klassik Stiftung Weimar ihre Präsentation im bauhaus museum weimar als experimentelle und ergebnisoffene Auseinandersetzung mit den sehr gegensätzlichen Entwicklungen der Moderne.

Der Innenraum des Museumsneubaus wird die Besucherinnen und Besucher mit seiner zeitgemäßen wie anschaulichen Ausstellungsarchitektur und punktuellen Installationen emotional ansprechen und zur intuitiven Erschließung der Ausstellung einladen. Das Kuratorenteam der Klassik Stiftung konzipiert die Ausstellung gemeinsam mit den renommierten Architekten und Ausstellungsgestaltern Holzer Kobler Architekturen und in Kooperation mit Kulturvermittlern. Das umfangreiche, mit jungen Bauhaus Agenten entwickelte Vermittlungsprogramm bedient sich ebenfalls experimenteller und partizipativer Zugänge.

3 Fragen an Barbara Holzer, Holzer Kobler Architekten, Zürich/Berlin

Eine Schule des Lebens

Frau Holzer, was zeichnet Ihre Ausstellungsarchitektur für das bauhaus museum aus?
Wir entwerfen Szenen und nutzen den Raum als eine Art Leinwand oder Panorama. Die Oberflächen der Einbauten sind gewissermaßen das direkte Medium zwischen Objekt und Betrachter. Wir arbeiten mit Materialien, die die Objekte in ihrer Wirkung unterstützen, wie Glas oder lackierte Oberflächen mit unterschiedlichen Glanzgraden. Von ganz bunten Farben für Objekte, die weniger Farbigkeit besitzen und dadurch zum Leuchten gebracht werden, bis zu gedeckten Farben für schrille Objekte: Die Gestaltung steht im Dialog mit den Exponaten selbst. Das ermöglicht einen intuitiven Zugang zu den Dingen. Etwas fasziniert, macht neugierig oder löst Fragen aus. So können wir die Blicke der Besucher auf die wichtigen Themen und entscheidenden Fragen lenken, dann entstehen Lerneffekt und Vermittlung fast automatisch.

Wie wichtig ist Ihnen der Kontext der Objekte?
Das Museum ist oft ein Ort extremer Dekontextualisierung, da sich hier Objekte versammeln, die nie so nebeneinander standen. Wir versuchen Zusammenhänge sichtbar zu machen, indem wir beispielsweise das noch von Gropius selbst zusammengestellte Konvolut von Objekten in Gänze zeigen. Diese 168 Objekte verdeutlichen viel von der Haltung, die Gropius mit dem Bauhaus vermitteln wollte. Das ist eine ganz wichtige Aussage des bauhaus museums in Weimar: dass es eben nicht nur um die Frage des Objektseins geht, sondern wirklich um die Haltungen, die mit dem Bauhaus eingenommen und vermittelt wurden.

Wie können wir uns denn den Museumsbesuch konkret vorstellen?
Wir möchten, dass die Besucher den teilweise bekannten Objekten und Inhalten auf eine neue Art und Weise begegnen. In der obersten Etage des Museums sind zum Beispiel die Ikonen des Bauhauses von Gropius bis Mies van der Rohe erlebbar, aber auch Hannes Meyer, der das Bild der minimalistischsten Einrichtung mitgeprägt hat. Genau hier können wir die Besucher direkt ansprechen: Wie wohnst Du eigentlich? Würdest Du Dich mit Bauhaus-Produkten umgeben? Oder magst du es doch lieber etwas üppiger?
Ich finde die Frage interessant, wie die Menschen ihr Umfeld einrichten. Ist asketisch zu leben ein Wunsch oder nur eine Not? Was bedeutet es, wenn jemand heute sagt, er lebe auf kleinstem Raum? Wenn wir im Museum Diskurse führen können über Fragen zu sozialer Nachhaltigkeit, politischer Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Systemen überhaupt oder auch zu Stil und Geschmack, dann haben wir ganz viel erreicht. Es muss deutlich werden, dass das Bauhaus nicht nur für schöne Möbelstücke steht, sondern auch für gesellschaftliche und politische Haltung und Verantwortung.

Prof. Barbara Holzer © IBA Thüringen, Foto: Thomas Müller

Prof. Barbara Holzer © IBA Thüringen, Foto: Thomas Müller


Die Ausstattung und Erstpräsentation im bauhaus museum weimar wird gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.